Kontinentaldrift

      Kontinentaldrift

      Kontinentaldrift

      Brandenburg ist abgedriftet. In kurzer Zeit entgegen des bisherigen nordwärts Trends, weit über den südlichen Polarkreis hinaus.
      Eigentlich müßte jetzt ja Sommer werden, aber die letzten Tage wurden immer kürzer und es wird kalt. Ein paar warme Mittage gab es noch, wenn die Sonne sich für ein paar Stunden über die Baumwipfel erhob. Die Strahlen waren angenehm warm und streichelten meine Haut, die ich wohlwollend entblößte, um keinen Strahl zu verpassen. Nie wäre ich darauf gekommen, jetzt Brennholz für die nächsten Monate zu machen. Es war ja schließlich Sommer angesagt. Es konnte nicht sein, was ich wahrnahm, aber nicht wahr haben wollte.

      Aber dann kamen stürmische Tage, dicke Wolken am Himmel, kein Sommer-Gewitter sondern Herbststürme, und die Nächte empfindlich kalt. Als schließlich an einem windstillen Morgen der Himmel klar und blau war, saß ich Mittags an meiner Lieblingsstelle, um mich zu wärmen, hoffte, daß der Spuk vorbei sei. Ich blickte zum Waldrand, der Wind hatte die Blätter von den Bäumen geweht und ich sah meine geliebte Sonne zwischen den kahlen Ästen hindurchblinzeln. Ich wartete darauf, daß sie sich über die Wipfel erhebt, um mich zu wärmen, und ich saß noch, starr vor kälte, als sie schon längst wieder hinterm Horizont verschwunden war.
      Noch vor einem Jahr war sie, nachdem sie unter gegangen war, mir zuliebe nochmal aufgegangen, um ein paar Stunden nur für mich alleine zu scheinen. Das war eine sehr schöne Zeit, die ich sehr vermisse.

      ...
      ...

      Jetzt war mir klar, daß es nur noch ein paar Wochen dauern würde, bis die Sonne gar nicht mehr über den Horizont kommen würde. Sie wäre natürlich immer noch da, aber sie beschien dann die Nordhalbkugel. Wer auch immer nun dort sein möge, kann sich ihrer Wärme erfreuen.
      Ob ich diesen unerwarteten Winter überleben werde, der hier nahe des Süd-Pols kälter und länger sein wird, als alle meine bisherigen Winter, ist ungewiß. Und auch die Aussicht, daß hier der Sommer, wenn er dann kommt nur kurz und kühl sein wird, ist für meinen Überlebenswillen nicht gerade förderlich.

      In der Ferne sehe ich Pinguine. Ich bin nicht ganz alleine, aber sie sprechen eine andere Sprache, sind eine geschlossene Gesellschaft. Wenn ich trotzdem versuche, mich ihnen zu nähern, hüpfen sie einfach ins eisige Wasser, das für mich binnen weniger Minuten tödlich wäre.

      Ich könnte versuchen, mir ein Pinguinkostüm zu leihen, um mich vielleicht einzelnen von ihnen zu nähern und ihre Sprache zu lernen. Wie bitte? Jetzt bin ich wohl völlig durchgeknallt! Kein wunder, ich bin völlig unterkühlt und entkräftet, da ich immer noch in T-Shirt und Sonnenhut im Garten sitze. Ich werde mal reingehen und die Kontinentaldrift-Vorhersage anschauen. Meine gewagte bzw. gehoffte Theorie: vielleicht geht es über den Südpol hinaus auf der anderen Seite wieder Richtung Äquator, nächstes Jahr.

      poi09